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Felix Riedel | Wandlungsformen des Rassismus

Mittwoch, 6. November 2019 - 19:30 bis 21:30
Ort: 
221qm [806qm] Alexanderstraße 2, 64289 Darmstadt
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71389946_2499444196781442_7292513800392015872_n.jpg, von meier-arendt




Wandlungsformen des Rassismus
Mit Adorno, Hall und Fanon zur Kritik der Critical Whiteness

Vortrag und Diskussion mit F. Riedel

Der Rassismus hat sich verändert. Nur extremste Ränder der Gesellschaft
bekennen sich noch offen zur Rassentheorie. Wie der sekundäre
Antisemitismus besteht der Rassismus heute aus Leugnung seiner Existenz.
Das erzeugt den falschen Anschein, als sei der Antirassismus schon
gesellschaftliche Praxis.
Einmal in die Welt gesetzte Ungleichverhältnisse leben aber fort – so
begründet Marx den Ursprung des Betrugs im Kapitalismus, der vergangenes
Unrecht als Vertrag der Freien und Gleichen verkleidet. Er nennt den
gewaltsamen Ursprung des Kapitals die „primitive“ oder „ursprüngliche“
Akkumulation. Für das Verständnis des Fortlebens von Rassismus ist
dieser Begriff von immenser Bedeutung. Der Grundsatz bürgerlicher
Ideologie ist: Wer arm ist, hat selbst schuld, wer reich ist, hat es
verdient. Das Eigentum ist sakrosanktes Grundrecht. So provoziert die
historisch durch den Rassismus erzeugte und stets weiter verschärfte
Ungleichheit die Suche nach der Schuld der Opfer. Der Rassismus bietet
an, diese Schuld auf die Hautfarbe, die Herkunft, die Kultur zu
projizieren. Dieses Angebot wirkt heute so gut wie vor 100 Jahren. Daher
finden sich bei Autoren wie Frantz Fanon und Stuart Hall noch weithin
gültige Analysen des antischwarzen Rassismus, die Kritische Theorie des
Rassismus mit ihrem Fokus auf antisemitischen Rassismus ergänzen.

Was die Dimension politischer Praxis angeht, war der Antirassismus
jedoch stets gespalten: Militanz war erfolgreich und führte zur
Abschaffung der Sklaverei und der Segregation, konnte aber nach der
rechtlichen Befreiung kaum tiefere Umwälzungen des rassistischen
Bewusstseins erzeugen. Heute wird Antirassismus innerhalb der
bürgerlichen Gesellschaft auf ein ideologisches Phänomen reduziert und
von der Frage des Eigentums abgetrennt. Blue-Eyed-Workshops sollen
Rassismus erfahrbar machen und nicht wenige Critical-Whiteness-Zirkel
ersetzen geschichtliches Begreifen durch Identitätspolitik. Die Kritiker
des Antirassismus fallen jedoch noch hinter die Identitätspolitik zurück
und lassen alte Rassentheorie ebenso wieder aufleben wie
kollektivierenden Kulturchauvinismus.

Der Vortrag führt in die Ideen- und Bildergeschichte des Rassismus ein,
und schließt auf die Notwendigkeit einer antirassistischen Praxis, die
mit Kritischer Theorie, Stuart Hall und Frantz Fanon zu einer
differenzierten Anthropologie des rassistischen Spektakels gelangt.

Felix Riedel ist promovierter Ethnologe und freiberuflich in der
politischen Bildung tätig. Er forscht und schreibt über
gewaltanthropologische Themen (Antisemitismus, Islamismus, Rassismus,
Hexenjagden).

Der Vortrag findet am Mittwoch, 13.11.19, ab 19:30 Uhr im Café 221 qm
(im 806qm) statt. Der Eintritt ist frei.
Vor Ort gibt es Getränke, ihr könnt auch schon gerne vor
Veranstaltungsbeginn zum Café-Betrieb kommen. Die Räumlichkeiten sind
barrierefrei.